ZEITmagazin Interview mit Giannina Haupt
4. Mai 2026
Giannina Haupt ist 25, als ihr Mann an Krebs stirbt. In ihren Armen. Wie liebt man wieder, wenn es die große Liebe schon gab? Und: Welcher Mann kommt damit klar?
Als junges Paar führen Carl Jakob Haupt und seine künftige Frau Giannina ein Jetset-Leben. Sein Blog Dandy Diary ist legendär, genauso sind es seine Partys (auf einer ist der Türsteher ein echter Elefant) und seine exzentrischen Outfits. Sie reist als Model um die Welt, lebt in New York und L.A. Als Carl Jakob Haupt 2016 eine Krebsdiagnose erhält, ändert sich alles. Noch heute, fast sieben Jahre nach seinem Tod, kann seine Frau den Verlauf der Krankheit schildern, als sei es gestern gewesen. Sie war dabei, bis zum Ende.
Frau Haupt, wir treffen Sie am Vorabend des Geburtstags Ihres Mannes, der 2019 mit nur 34 Jahren an Magenkrebs starb. Wie verbringen Sie den morgigen Tag?
Wir werden in der Paris Bar in Berlin sein, wie immer. Da haben wir schon seine Geburtstage gefeiert, als Jakob noch gelebt hat, und unsere standesamtliche Hochzeit. Langjährige Freunde werden da sein, etwa 20 Leute, die die schwere Zeit der Krankheit mit uns durchgestanden haben. Meistens haben wir ein großes Bild von Jakob dabei. Das stellen wir ans Kopfende. Und dann trinken und essen wir zusammen.
Was bedeuten Ihnen solche Rituale?
Es ist ein Tag, an dem ich spüre, dass Jakob bei uns ist. Wir haben alle so schnelllebige Tage, sind immer unterwegs, einer zieht weg, ein anderer ist ein halbes Jahr in Amerika oder wo auch immer. Da ist es toll, ein Datum zu haben, an dem sich alle wiedersehen. Es ist wie ein Klassentreffen, eigentlich der schönste Tag im Jahr.
Keine negativen Gefühle? Sie werden heute Nacht nicht wach liegen?
Am Abend vor Jakobs Geburtstag setze ich mich allein zu Hause hin mit einem Wein, mit einem Foto von uns und höre unsere Musik. Das muss nicht nur traurig sein. Trotzdem braucht es immer etwas Überwindung, in diesen Schmerz reinzugehen. Wenn dann morgen alle da sind, ist es vielleicht kurz etwas bedrückend – nachdem wir angestoßen haben, fällt die Last aber von uns ab. Dann feiern wir Jakob.
Überlagern die schönen Erinnerungen die traurigen von Jahr zu Jahr mehr?
Ja, früher habe ich vor seinem Geburtstag immer geweint, brauchte Beistand, habe Familie und Freunde angerufen. Die haben mich daran erinnert, dass wir ja etwas Schönes feiern. Inzwischen weiß ich, dass eine verstorbene Person nicht nur im Schmerz bei uns ist. Sie kann auch im Glück in unseren Leben sein. Jakob war ja nicht nur krank. Er war ein wahnsinnig toller Mensch, jemand, der so viele Leute inspiriert hat. Egal mit wem du ihn zusammengesetzt hast, am Ende war jeder verliebt in ihn. Ganz egal ob das ein Politiker oder ein Obdachloser gewesen wäre, die hätten drei Stunden geredet. Jakob war so interessiert. An allen.
Ein Geburtstag bleibt ein Geburtstag, ob jemand da ist oder nicht?
Genau. Jakob war nicht, Jakob ist: seine Seele, seine Energie und die Erinnerung an ihn. Das bleibt. Manchmal Fotos JULIA ISHAC nennen ihn Leute meinen Ex-Mann. Und dann sage ich: Nein, das ist immer noch mein Mann. Ich trage seinen Ring. (Sie hebt ihre rechte Hand. Am Ringfinger stecken drei Ringe, Jakobs Ehering ganz unten, gehalten vom Verlobungsring mit Stein, darüber ihr Ehering. Ohne sie fühle sie sich nackt.) Auch »Witwe« passt für mich irgendwie nicht. In der Presse hieß es damals: »die Witwe Giannina Haupt«. Klar, das ist halt das Wort, aber das ist so altertümlich – ich war ja noch so jung, als ich Jakob verlor. Und obwohl ich immer besser damit klarkomme, gibt es noch diese Momente – vielleicht war gerade viel los -, da kommst du nach Hause, und auf einmal hast du zwei Tage, wo du am Boden bist. Wo die schlimmen Erinnerungen hochkommen und die Fragen. Warum ist uns das passiert? Warum musste er leiden? Diese Phasen sind seltener geworden, aber nicht verschwunden. Sie kommen gerade, wenn man denkt: Jetzt habe ich alles verstanden. Man hat nie ausgetrauert, glaube ich.
Haben solche Episoden einen Auslöser?
Ich sitze zum Beispiel im Auto, eigentlich ist alles gut, und dann kommt eines unserer Lieder im Radio. Dann kommen die Tränen, und mir wird mal wieder klar: Ich vermisse ihn so, weil ich die Person so sehr geliebt habe.
Welche waren Ihre gemeinsamen Lieder?
Oasis ist auf jeden Fall unsere Musik, etwa Slide Away und Live Forever natürlich. Oder Guns N‘ Roses: Wir waren mal zusammen in Los Angeles und haben dann einen Roadtrip gemacht, mit dem Cabrio durch die Wüste, da haben wir die ganze Zeit Paradise City gehört. November Rain war auch ein Song von uns. Ich hatte das Musikvideo nie zu Ende gesehen, wusste lange nicht, dass die Braut am Ende stirbt. Der Song lief auf seiner Beerdigung.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie im Frühjahr 2016 erfuhren, dass Ihr Mann Krebs hat?
Die Diagnose war ein Schock, natürlich. Eigentlich waren wir aber in einem positiven Modus. Wir haben gesagt: Ey, wir kriegen das hin. Wir wussten, es gibt soundso viele Chemos, dann die Operation, dann noch mal Chemo – und danach ist der Krebs weg, und wir fliegen nach Kuba. Da wollten wir beide immer schon mal hin. Wir haben ganz bewusst ein Licht ans Ende des Tunnels gesetzt. Wir waren ja auch von unserer jungen Liebe beflügelt, da war so viel Euphorie. Er hatte sich meinen Namen auf die linke Brust tätowieren lassen, übers Herz.
Er wurde zwischenzeitlich auch wieder gesund. Dachten Sie, jetzt haben wir es überstanden?
Ja. Als er krebsfrei war, kam er zu mir nach New York, wo ich eine Zeit lang wohnte. Wir hatten das geilste Leben, waren ungebunden, für sein Blog Dandy Diary konnte er von überall arbeiten. Als der Krebs im Mai 2018 das zweite Mal kam, dachte ich: Okay, dann machen wir das jetzt wieder so. Ich konnte ja nicht wissen, dass Jakob nicht mal mehr ein Jahr leben würde. Er war auf Partys, hat Sport gemacht, wenn er nicht gerade eine Chemo hinter sich hatte. Er war fit. In dieser Zeit haben wir auch geheiratet. Wirklich verschlechtert hat sich sein Zustand erst zwei Monate bevor er gegangen ist.

Wie waren diese letzten Monate für Sie?
Wenn er nicht im Krankenhaus war, habe ich ihn gepflegt, zusammen mit zwei seiner besten Freunde. Ich war die ganze Zeit bei ihm. Ich war voll im Überlebensmodus. Erst eine Woche vor seinem Tod, als ich auf der Suche nach einem Hospiz war, habe ich realisiert, dass es zu Ende geht. Anscheinend hat mein Gehirn das so gemacht, damit ich durchhalte.
Waren Sie bis zum Ende bei ihm?
Jakob ist in meinen Armen gestorben, im Hospiz. Als er mich in dieser Nacht weckte, war es anders als sonst, ich spürte, dass er keine Schmerzen hatte. Er hat mich angeschaut und gelächelt. Sterben ist nicht wie im Film, dass jemand einfach seine Augen zumacht, das ist ein Prozess von Stunden. Ich konnte noch mal mit ihm sprechen, mich verabschieden. Ich habe ihm gesagt: »Du bist jetzt frei.«
War es schwer, ihn einfach gehen zu lassen?
Ich musste es. Das Schlimmste wäre ein Kampf am Ende, ein »Bitte geh nicht!« oder so was. Ich habe Jakob das schönste Ende bereitet, und deswegen fiel es mir etwas leichter, damit umzugehen. Weiterzuleben. Obwohl mein Plan ja nicht aufgegangen ist. Ich wollte mit ihm alt werden. Schon als kleines Mädchen hatte ich diesen Wunsch: Das Ende habe ich mir vorgestellt wie im Film Titanic. Da gibt es diese Szene, wo ein altes Ehepaar sich nebeneinander ins Bett legt, um gemeinsam unterzugehen. So ist es am Ende auch gekommen, nur dass ich nicht mitgegangen bin.
Stattdessen waren Sie nun allein in diesem Zimmer im Hospiz.
Als Jakob starb, habe ich richtig eine Veränderung im Raum gespürt. Das ist magisch. Ich habe gleichzeitig gelacht und geweint. Es war das Schönste, was ich je erlebt habe. Das mag sich makaber anhören, aber wenn du merkst, die Seele eines geliebten Menschen verlässt den kranken Körper, dieser Moment ist eine Befreiung. »Wir sehen uns wieder«, habe ich gesagt, »du wartest ja auf mich.«
Und dann?
Als ich wieder denken konnte, habe ich Philip angerufen, Jakobs Freund, der schon im Ort war. Kurz darauf kam er herein. Später hat er zu mir gesagt: »Du warst total zen«, wie erleuchtet. Ich habe Jakobs Familie Bescheid gegeben, die zwei Tage später kommen wollte, gesagt, dass er in Frieden gehen konnte, dass alles in Ordnung sei. Ich bin seiner Mutter unendlich dankbar, dass sie uns beiden den 2 20e Xeze Abschied gelassen hat. Jakob hatte sich das so gewünscht. Aber dass sie sich dann wirklich so zurückhalten konnte – als Mutter. Was ist das für eine tolle Frau? (An dieser Stelle kommen ihr die Tränen. Sie entschuldigt sich, während sie ihre Augen trocknet.)
Hatten Sie am Morgen dieses Tages schon eine Ahnung?
Nein. Es war die allererste Nacht im Hospiz, die Nacht zu Karfreitag. Ich hatte Fotoalben mit, die wir noch gemeinsam anschauen wollten, und ich hatte einen Film schneiden lassen mit unseren Videos. Am nächsten Tag wollte ich mit ihm aufs Dach gehen – das Hospiz ist wunderschön gelegen, direkt am Scharmützelsee. Ich habe mich ins Bett gelegt in der Erwartung, dass wir noch Wochen hier sein würden.
Wie haben Sie die ersten Tage der Trauer bewältigt?
Ab dem Moment seines Todes war ich jeden Tag mit unserem engsten Freundeskreis zusammen. Ich hatte keine Sekunde das Gefühl, allein zu sein. Wir haben ganz viel über Jakob gesprochen, auch lustige Geschichten erzählt, nicht in dem Sinne: Er ist nicht mehr da, eher: Er ist noch voll da.
Überlegen Sie manchmal, was Jakob heute tun würde?
Der hätte noch so viel gemacht. Er hat ja mit Dandy Diary damals auch politische und gesellschaftskritische Aktionen gemacht, gegen Fast Fashion, gegen Rassismus. In der Corona-Zeit habe ich mich oft gefragt, was Jakob wohl getan hätte, was für einen Artikel er geschrieben hätte. Auf jeden Fall was Freches. Die Szene, in der er unterwegs war, hat er schon sehr geprägt.

Einer seiner Kontakte hat Ihnen besonders geholfen: Jakob hat Sie mit Aino Laberenz zusammengebracht, der Witwe Christoph Schlingensiefs. Der Theatermacher und Künstler war einige Jahre zuvor an Krebs gestorben.
Richtig. Wenige Wochen vor Jakobs Tod hat Aino mich gefragt, ob ich mit ihr und ein paar Freunden essen gehen wolle. Ich dachte: Boah, ich kann jetzt nicht ins Restaurant gehen; Jakob lag ja gerade im Krankenhaus. Aber er sagte: »Mach das mal.« Ich kannte Aino schon, aber wir haben nie über Krebs und den Tod gesprochen. Das war an diesem Abend anders, Aino und ich sind gleich in einen Nebenraum gegangen. Ich habe sie gefragt, was ich machen soll, wenn er wirklich sterben sollte. Was dann passieren würde, wo ich doch weiß, dass ich nicht leben kann ohne ihn. Ich hatte mich vorher nie getraut, diese Frage laut auszusprechen. Aber sie hatte das ja alles selbst erlebt. Mit ihr zu sprechen, hat mir so weitergeholfen.
Was hat sie Ihnen geraten?
Sie hat zu mir gesagt: »Du hast jetzt noch Zeit mit ihm. Du bist jetzt mit ihm hier auf der Erde. Mach dir keine Gedanken darüber, was danach ist. Das kannst du nachher immer noch tun.« Dadurch konnte ich die Fragen und Gedanken erst mal wegschieben und unsere gemeinsame Zeit genießen. Ich war in dem Modus: Alles, was Jakob jetzt will, wird gemacht. Welche Matratze braucht er, damit er weniger Schmerzen hat? Welche Leute will er wann sehen? Wie organisiere ich das?
Woher haben Sie die Stärke genommen, das durchzuhalten?
Meine Mutter ist eine sehr starke Frau. Sie hat das meiste alleine gewuppt, nachdem meine Eltern sich getrennt hatten, da war ich noch ganz klein. In dem Sommer, in dem ich Abitur gemacht habe, hatte mein Vater einen schweren Motorradunfall und meine Mutter Schilddrüsenkrebs. Morgens habe ich meinen Vater besucht, der im Koma lag und von dem keiner wusste, ob er je wieder aufwacht, und nachmittags war ich in einem anderen Krankenhaus bei meiner Mutter. Mein Vater ist wieder aufgewacht, und meine Mutter wurde wieder gesund. Und ich habe den Umgang mit schwerer Krankheit kennengelernt. Ich glaube, dass mich das vorbereitet hat auf eine Art.
In einem Podcast haben Sie gesagt, dass man auch Selbstmitleid zulassen muss.
Man darf nicht vergessen, auf sich selbst zu achten, genau. Das Wichtigste ist, lieb zu sich zu sein und geduldig mit sich. Man darf Einladungen kurzfristig absagen, wenn einem nicht danach ist. Wer trauert, darf egoistisch sein. Das heißt auch, dass man nur über seinen Verlust redet, wenn man das will. Erwartungen anderer sind egal.
Sie haben auch erfahren, was passiert, wenn man nicht genug auf sich achtet.
Ein Jahr nach dem Tod fingen bei mir die Panikattacken an. Es war wieder Frühling in Berlin, und mein Körper hat sich erinnert. Ich wollte mit Freunden aus der Stadt fahren, und im Auto kam die Panik. Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu kriegen, dachte, ich sterbe. Ich dachte, ich habe keine Angst mehr vor dem Tod, weil ich dann ja Jakob wiedersehen würde. Aber als ich auf der Rückbank nach Luft schnappte, mit schwitzigen Händen, und darauf wartete, dass mir schwarz vor Augen wird: In diesem Moment wollte ich plötzlich doch nicht sterben. Die Panik war ein Zeichen: Du musst den Verlust richtig aufarbeiten.
Haben Sie noch Panikattacken?
Ganz selten einen kleinen Anflug, das kann ich aber sofort wegatmen. Nach den ersten Attacken habe ich ein Breathwork-Seminar gemacht. Da liegst du auf dem Boden und atmest auf eine bestimmte Art, dabei wirst du angeleitet. Das machst du so lange, bis du an dein Unterbewusstsein rankommst. So war das jedenfalls bei mir. Und ich hatte ein Bild vor Augen: Ich stehe in meiner Wohnung, ganz allein, weiß nicht, was ich tun soll. Ich sehe mich von außen, wie im Film, es ist, als würde ich einer kleinen Schwester zusehen, die vollkommen hilflos ist. Ich bin dann auf diese Frau zugegangen, habe sie umarmt und gesagt: »Du machst das so gut! Du bist so stark!« Dabei habe ich geweint, und das hat etwas in mir geheilt.
Konnten Sie nach dem Tod Ihres Mannes überhaupt wieder arbeiten?
Erst mal nicht. Hauptberuflich war ich zuvor Model, ich habe drei Monate in New York gelebt, drei Monate in Los Angeles und den Rest des Jahres in Berlin. Wenn Jakob mich besucht hat, waren wir auf Partys in Hollywood oder haben New York erlebt. Das war der Hammer. Nach seinem Tod wollte ich erst mal nicht zurück. Was soll ich dort, habe ich mich gefragt, in einer fremden Stadt, ohne ihn? Zusammen mit meiner Mutter, unserem Freund Paul Ronzheimer und der finanziellen Hilfe von Spendern haben wir einige Monate später die Carl Jakob Haupt Organisation gegründet, so war es mit ihm abgesprochen.
Der Zweck der gemeinnützigen Organisation ist, das Leben von Krebspatienten und ihren Angehörigen zu erleichtern.
Wir hatten gesehen, dass nicht alle so ein Netzwerk aus Familie und Freunden haben wie wir. Da war zum Beispiel ein alter Mann, der nach der Chemo mit der Bahn nach Hause fahren musste, obwohl es ihm schlecht ging. Ein Taxi konnte er sich nicht leisten. Und dann sitzt der alleine zu Hause. Oder die alleinerziehende Mutter, der das Geld ausging. Unsere Organisation sammelt Spenden, um Krebspatienten finanzielle Sorgen zu nehmen. Außerdem suchen wir sogenannte Chemo-Paten, die Menschen zur Chemotherapie begleiten, für sie einkaufen oder mit ihnen Zeit verbringen in dieser schweren Phase. Über die Jahre haben mir Tausende Menschen geschrieben und sich bei mir bedankt. Und auch bei Jakob, der so offen über seinen Umgang mit der Krankheit geschrieben hatte.
Nach Ihrer Modelkarriere machen Sie heute hauptberuflich Musik. Mit Ihrer besten Freundin Alyssa Cordes legen Sie international als DJs auf. Auf Videos kann man sehen, wie gutgelaunt und energiegeladen Sie als Duo auftreten. Wie gelingt Ihnen das?
Die Show abzuliefern, kann schwer sein, auch wenn man nicht gerade akut trauert, sondern einfach müde ist. Ohne Alyssa hätte ich das nach dem Verlust nicht geschafft. Sie ist seit Kindertagen meine beste Freundin. Eigentlich kannten wir uns schon vor der Geburt, weil unsere Mütter während der Schwangerschaft miteinander befreundet waren. Ich kam sechs Wochen nach ihr auf die Welt. Und kurze Zeit später haben sich beide Mütter von unseren Vätern getrennt, und wir waren zusammen im Urlaub – eine Patchworkfamilie aus vier Frauen. Alyssa hat mich durch meine Trauer begleitet, war jeden einzelnen Tag für mich da, hat alle meine Ausbrüche ausgehalten. Bei ihr ist mein Safe Space. Und deswegen habe ich immer Energie, wenn wir zusammen hinterm DJ-Pult stehen, egal ob ich traurig bin, fertig, verkatert, was auch immer. Da ist auch eine Riesendankbarkeit, dass ich mit meiner Passion Geld verdienen kann und mit meiner besten Freundin durch die Welt reise.
Wer Ihnen auf Instagram folgt, weiß, dass Sie seit gut zwei Jahren einen neuen Freund haben. Hat Ihre wiederentdeckte Positivität das ermöglicht?
Vor allem die Zeit. Irgendwann fing es an, dass Jakobs Jungs so was fragten wie: Schau mal, der Kellner, wie findest du denn den? Sieht nett aus, oder? Und ich habe nur gesagt: Interessiert mich gar nicht. Und dann meinten sie, Jakob habe gesagt, dass er will, dass ich glücklich werde und nicht alleine bin. Die Jungs hatten darauf schwören müssen, sich um mich zu kümmern, das war ein Deal zwischen Jakob und ihnen. Und ich habe immer nur gedacht: Ich war der glücklichste Mensch der Welt mit diesem Mann – warum sollte ich mich mit etwas anderem zufriedengeben? Dazu kam die Angst, dass ich Jakob betrügen würde. Seine Seele ist ja noch bei mir, nicht sichtbar natürlich, aber ich kann sie fühlen. Und dann dachte ich: Wer soll das überhaupt sein? Gibt es jemanden, der damit klarkommt, dass ich die große Liebe schon einmal gefunden habe? Das stand ja alles in der Zeitung. Und dann ist Joachim in mein Leben gekommen.
Der Konzeptkünstler und Kreativdirektor Joachim Bosse.
Er fand mich schon länger toll, das hat er mir später erzählt. Er war der Kumpel eines Kumpels, wir haben auch mal geredet auf einer Party. Ich habe ihn abblitzen lassen, ich war noch nicht bereit. Aber er ist drangeblieben. Er wusste, dass ich die Frau seines Lebens war – und auch, dass das verrückt klingt, weil wir nie länger als fünf Minuten geredet haben. Gemeinsame Freunde haben ihm abgeraten. »Versuch es erst gar nicht«, haben sie gesagt. Und dann stand er trotzdem auf einmal da, bei einem Dinner. Und während ich mit ihm sprach, habe ich gemerkt, wow, da ist was. Ich konnte das Gefühl zunächst gar nicht begreifen und habe es auch erst mal weggedrückt. Auf die Frage, ob er mich nach Hause bringen kann, habe ich geantwortet: Nein. Immer wieder nein, gleichzeitig hatte ich so ein Herzrasen. Als wir uns dann doch mal auf ein Bier trafen, wurde mir bewusst, wie schlecht es mir eigentlich die ganze Zeit ging. Ich war immer nur für Momente happy, wenn ich mit Alyssa aufgelegt habe oder wenn ich im Urlaub war. Sonst bin ich morgens oft aufgewacht und habe mich schon darauf gefreut, abends wieder im Bett zu liegen. Es gab keinen größeren Sinn in meinem Leben, keinen Plan, keine Zukunft. Kurz nachdem wir uns kennengelernt haben, sagte ich zu ihm: Glücksmäßig war ich hier (hält eine Hand flach vor das Kinn), jetzt bin ich hier (hält die andere Hand vor den Bauch). Und Joachim hat gefragt: Kannst du nicht vielleicht irgendwann hier sein? (Sie zieht die Bauchhand nach oben, hält sie mit Abstand neben die andere.)
Ganz woanders, aber gleiche Höhe?
Genau, eine Koexistenz! Mit Joachim war ich wieder die alte Giannina, habe viel geredet, viel gelacht. Ich habe mein inneres Kind wiedergefunden.
Wie kann man in einer Beziehung damit umgehen, dass es vorher schon einmal eine große Liebe gab?
Joachim hat das Selbstbewusstsein dafür, die innere Größe. Ich weiß nicht, wie das für einen Mann ist, mit einer Frau zusammenzukommen, die ihre Eheringe noch trägt. Er hat mal zu mir gesagt, dass er sich wünscht, dass ich irgendwann auch seinen Ring trage – an der anderen Hand. Eine neue Liebe schließt eine alte Liebe nicht aus. Da ist diese Gleichzeitigkeit von Gefühlen. Und nur so geht es. Ich könnte gar nicht mit jemandem zusammen sein, der das nicht akzeptiert. Wir reden nicht jeden Tag über Jakob, aber er ist schon sehr präsent. Es gibt Momente mit Joachim, da muss ich lachen und denke: Der Jakob hat mir den geschickt. Die machen so ähnliche Sachen, sind kreativ, Jakob mit Dandy Diary und Joachim damals mit seiner Agentur Dojo und heute als Künstler. Joachim versteht sich auch mit Jakobs Jungs.
Und die Familie?
Zuerst habe ich es Jakobs Schwester erzählt. Sie hat sich riesig gefreut für mich. Endlich, hat sie gesagt und wollte Joachim unbedingt kennenlernen. Dann kam der Moment, es Jakobs Mutter zu sagen, davor hatte ich doll Angst. Ich fürchtete, dass sie denkt: Ich kann meinen Sohn nicht ersetzen, aber du kannst ihn ersetzen mit einem neuen Freund. Wir haben uns dann in einem Restaurant getroffen, und ich habe ihr alles erzählt. Als ich gemerkt habe, dass auch sie sich für mich freut, war das so eine Erlösung für mich.
Sie und Joachim sind gerade umgezogen, nach Zürich in Ihre erste gemeinsame Wohnung. Fühlt sich das an wie der nächste Schritt in ein neues Leben?
Ein wenig schon. Vor Kurzem haben wir das große Bild von Jakob eingepackt. Und Joachim hat gesagt: Klar muss der mit. Und ich war so froh, dass Joachim das kann. Dass es diesen Menschen gibt, mit dem ich ein zweites Leben habe. Und dass ich dabei nicht das Gefühl habe, Jakob vergessen zu müssen.
Haben Sie schon einen Platz für das Bild gefunden?
Ich denke, Jakob kommt ins Wohnzimmer, das ist mein Lieblingsraum. Aufs Sideboard neben dem Sofa. Wenn man da mit Leuten sitzt, ist es, als wäre er dabei.
Von ALEXANDER KREX
Fotos JULIA ISHAC
GIANNINA HAUPT, 32, kommt aus Bielefeld und zog nach dem Abitur nach Berlin. Schon als Teenager modelte sie, war auf zahlreichen Magazincovern. Heute lebt sie in Zürich und macht hauptberuflich Musik. Mit ihrer Freundin Alyssa Cordes legt sie international als DJ auf